Kopfkino oder ich zapf jetzt mal die Bäume an


Words by Natascha Marakovits | Blog, Lifestyle, Racing, RunNa

Vier, fünf, ja wie viele sind es denn noch? Aus den Augenwinkeln schiele ich zur Seite. Ein Rudel von Männern überholt mich. Mein Blick heftet sich an ihre Fersen. Nicht lange, denn wenige Augenblicke später sind sie auch schon wieder verschwunden. Wieso sind die eigentlich so locker, flockig vorbeigezogen? Männer halt, denke ich mir, die „dürfen“ das, schließlich ist für viele Kerle meine Wunsch-Halbmarathon-5er-Pace easy going. Kein Wunder also, dass sie da an mir vorbeiziehen. Schon wenige Kilometer nach dem Start ist es zwar nicht so toll gelaufen, aber mittlerweile passt es wieder. Es läuft zumindest halbwegs wieder bei „Kärnten läuft“. Die Beine fühlen sich ganz ok an, ich bin gut unterwegs. Alles im grünen Bereich.

Meine ich zumindest. Denn in dem Moment vibriert meine GPS-Uhr. Kilometer 14 ist um. Beim Blick auf die Anzeige verfällt mein Gesicht. 5:18 steht da. Was?! Das kann doch nicht sein! Die Uhr, die spinnt doch. Die muss spinnen! Das geht ja im Training besser! Mein Atem geht schwer, die Beine geben alles – zumindest fühlt es sich so an. Doch mit 5:18/km bin ich satte 18 Sekunden über meinem, vor dem Rennen festgelegten Plan A (der sich schon kurz nach dem Start verabschiedet hat), 13 über Plan B (der gehörig wackelt) und noch immer acht über Plan C. Das gibt es doch nicht! Anstatt purer Verzweiflung, die sich in Sätze äußern wie: „Hör auf, das schaffst du nicht!“, „Es tut so weh. Ich kann nicht mehr!“ oder „Ich ersticke. Ich sterbe“ bzw. „Es ist noch so weit“, macht sich heute Kampfeslust breit. Angasen, lautet die Devise! Einen Plan D gibt es nicht. Denn schon C ist gleich worst case ist gleich zumindest unter 1:50 laufen. Gemmas an, es ist noch nichts verloren!

In den letzten Wochen habe ich mich neben dem beinharten auch mit mentalem Training beschäftigt. „Du zapfst Energie auf unsichtbaren Kanälen von den Bäumen an, an denen du vorbeiläufst“, wurde zu meinem Lieblingssatz im Training. Auf der Prater Hauptallee nicht schwer, aber auch wenn gerade keine Bäume in Reichweite sind, mein Kopfkino beschäftigt sich seither mit Positivem anstatt mit „Ach du sch…., ich kann nicht so schnell laufen!“

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Dabei muss ich zugeben, dass ich von Ratgeber-Büchern nicht viel halte. Womit ich mich im Studium beschäftigt habe, beäuge ich sehr kritisch. Ich halte nichts von zwanghaftem positivem Denken. Denn wenn Lunge und Beine brennen, tut es weh. Das kann „Ich schwebe leichtfüßig wie eine Gazelle“ nicht wegmachen. Aber: auf die Einstellung kommt es an. Während ich früher vor jedem Intervalltraining schon beim Einlaufen Herzrasen bekommen habe, hat sich das mittlerweile gelegt. Die Anspannung ist immer noch da. Aber es ist eine produktive. Wie vor einem Wettkampf. Ein Adrenalinschub, der einen pusht.

Beim Mentaltraining ist es wie bei allem: Jeder Mensch ist anders und dementsprechend muss jeder für sich herausfinden, was zu einem passt. Tricks parat haben, die in schwierigen Situationen helfen. Bei mir funktioniert das Kopfkino ganz gut. Bäume, Sträucher. Heliumgefüllte Rucksäcke, die mich anschieben. Ein Gummiband, das mich nach vorne ins Ziel zieht. Klingt lächerlich, aber es wirkt. Weil das Köpfchen, während man sich all die Dinge vorstellt, abgelenkt ist und keine Zeit hat, sich auf brennende Lungen oder tonnenschwere Beine zu konzentrieren.

Neben diesen inneren Bildern habe ich noch eine Strategie gefunden, die mich während so manch qualvoller Momente herrlich beschäftigt: Rechnen. „Nur noch acht Kilometer. Das ist wie auf der Hausstrecke bis zur Donauinsel.“ Oder: „Vier Kilometer: Das sind bisschen über zwei Laktattest-Runden. Also mal die erste, dann noch eine und dann ist es eh schon geschafft. Das geht, das ist nicht weit.“ Ich weiß zwar genau, dass es weit ist, wenn man nicht mehr kann, aber die Zahlenspiele in meinem Kopf bewirken genau das, was auch die Bilder von unsichtbaren Kanälen der Bäume machen: sie lenken wirkungsvoll ab.

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Sportograf

Ich weiß nicht, ob in dem Moment, nach Kilometer 14 beim Halbmarathon in Kärnten Bäume auf der Strecke waren, ich weiß nur eines: ich wurde stärker und habe „angegast“. Mittlerweile hatte ich auch km 15 hinter mir gelassen und konnte auf den letzten Kilometern meine Wunsch-HM-Pace und sogar darunter laufen. Mit 1:48:49 wurde es Plan C. Keine neue PB, aber irgendwie lief’s plötzlich. Ich weiß auch warum: es war nicht mehr so weit. Nicht mal mehr bis zur Donauinsel oder bloß bisschen über drei Laktattest-Runden…

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