„Berlin! Du bist so wunderbar!“


Words by Natascha Marakovits | Blog, Lifestyle, RunNa

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Kaiserbase spricht mir mit seinem Song aus der Seele. Denn Berlin und ich, wir sind ganz dick miteinander. Vor neun Jahren habe ich mich in die Stadt oben an der Spree verliebt. Es war Liebe auf den ersten Blick: mich faszinierte der Lifestyle, die Coolness, die Offenheit, Berlin eben. Wer die Stadt kennt, weiß was ich meine. Es folgten unzählige Aufenthalte, ein Auslandssemester. Dann ging es schweren Herzens doch wieder zurück nach Wien. Mit den Jahren haben sich die Prioritäten geändert: früher habe ich meine Ausdauer bei den Berliner Partynächten bewiesen, heute mache ich das lieber auf 42,195 Kilometern. Als ich beschloss, meinen ersten Marathon zu laufen, musste ich daher nicht lange überlegen, wo ich am Start stehen möchte: Berlin, Berlin, ich will die Premiere in Berlin!

Nun gut, die Premiere ist ein Jahr her. Doch irgendwie sollte mich Berlin so schnell nicht loslassen. Eine Glücksfee entschied kurz nach dem Marathon 2015, dass ich auch ein Jahr später wieder in der deutschen Hauptstadt starten sollte. „Glückwunsch, Ihr nächster Marathon ist gesichert!“, bekam ich rund ein Monat nach Teilnahme an einem Gewinnspiel aus dem damaligen Startersackerl Bescheid. Das Schicksal wollte es so: Berlin, Berlin, ich laufe wieder in Berlin!

Mein Herz tanzt

Es ist kurz nach sieben Uhr, als ich mich auf den Weg zum Startgelände mache. Knapp zwei Stunden sind es noch bis es losgeht. Aber die Wege sind weit und aufgrund der Aufregung stürze ich mich sowieso lieber ins Getümmel, als nervös im Hotel auf und ab zu laufen. Startblock F ist es dieses Jahr, in dem ich eine neue PB in Angriff nehmen will. Das Training lief gut und somit bin ich zuversichtlich, unter meine magische Zielzeit von 3:45 zu kommen. Viel zu früh am Start bin ich froh, gemeinsam mit Lauffreundin Lena warten zu können. Wir quatschen, die Zeit rennt. Wir nicht, sondern stehen gemeinsam mit über 41.000 am Start. Dann geht es endlich los. Der Startschuss fällt. Ich sehe, wie sich Block E vor uns langsam in Bewegung setzt. Ein Blick auf meine Uhr verrät: jetzt geht es wirklich los. Der Puls, zuvor nur leicht erhöht, steigt und steigt sekündlich. Langsam geht es auch für uns vorwärts, Schritt für Schritt, der Startlinie entgegen. Und dann ist sie da: let’s go oder besser run girl run!

Die ersten Kilometer heißt es erst einmal Rhythmus finden. Es ist recht dicht, ich muss mich konzentrieren nicht aufzulaufen oder wegen Übermotivierten, die gerne mal knapp vornüber den Weg kreuzen, zu stolpern. Doch es läuft. Gut. Noch. Denn es sollte nicht ganz mein Tag werden. Schon die Woche zuvor hatte ich zu kämpfen: eine Verkühlung bahnte sich an. Brummschädel, leichtes Halsweh, nicht ganz fit. Ich schüttete literweise Tee in mich hinein, betete, hoffte, dass ich nicht wirklich krank werde und redete mir ein, dass mir nur die Nerven einen Streich spielen. Denn wenn es etwas nicht geben durfte, dann, dass ich genau JETZT flach liege. Doch alles gut. Ich übertauchte den Schwächeanfall, war bereit und nun war es soweit.

Kilometer 5 auf meiner Uhr. Super Zeit, aber wo ist bloß diese verdammte Kilometertafel? Ich schaue nach vorne. Noch nirgends zu sehen. Nach 300 Metern dann endlich auch offiziell der 5er erreicht. Super Zeit ade, denn Vertrauen in die Uhr ist gut, offiziell vermessene Kontrolle besser. Na das kann ja heiter werden, wenn sich die Abweichmeter weiter so summieren, denke ich. Egal, ich hatte mein Pace-Band um die Hand. Zielzeit: 3:44:00. Das hatte ich mir – motiviert wie ich war – bei der Messe ausdrucken lassen. Hm, wird verdammt schwer den Rückstand noch aufzuholen. Aber weiter geht’s. Is wie’s is, genieß es einfach, denke ich. Das auf dem Band oder in der Ergebnisliste ist schließlich bloß eine Zahl, nicht mehr und nicht weniger. Worum es eigentlich geht, ist das Berlin-Feeling. Darum, dabei zu sein bei der Marathon-Party, getragen werden von der Stimmung, den Party-People, die schreien, musizieren, auf dem Balkon tanzen, jubeln, einfach all das tun, das meine Leidenschaft zum Laufen so gut widerspiegelt. Es geht voll ab! Und, um wieder eine Berliner Band – dieses Mal Mia – zu zitieren: Mein Herz tanzt! Und jedes Molekül bewegt sich… Leider bald mehr als ich es mir wünsche, aber das weiß ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Party in meinem Bauch

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(c) Marathonfoto

Die weiteren Kilometer vergehen, ohne dass ich richtig in den Flow komme. Es geht nicht so leicht von der Hand bzw. von den Füßen wie sonst. Kilometer 26. Es grummelt in meinem Bauch. Vergiss es, konzentriere dich auf etwas anderes, die Stimmung, saug sie auf, geh mit den Leuten mit. Aber es geht nicht. Ich bin zu sehr mit mir beschäftigt. Mein Körper rebelliert, meine Verdauungsorgane machen Party. Ausgerechnet jetzt. Was auf den nächsten Kilometern passiert, erlebe ich wie in Trance. Ich überlege auszusteigen, will nicht, kann nicht. Nein, dafür hast du so hart trainiert. Ich will diese Medaille, ohne sie fahre ich nicht nach Hause.

Kilometer 34. Acht Kilometer noch. Wie die Stammstrecke bis zur Donauinsel, beginne ich zu rechnen. Komm lauf, Kilometer für Kilometer. Mariahilfer Straße, Ring, weiter…, hake ich die Haus- und Hofstrecke in Gedanken ab. Es ist nicht mehr weit, rede ich mir ein. Hinzu kommt: meine Uhr hinkt mittlerweile knapp 800 Meter hinterher bzw. ist 800 voraus. Ich freue mich jedes Mal wenn sie vibriert, weiß aber, dass ich noch fast einen Kilometer mehr laufen muss.

Gänsehautmoment

Kilometer 40. Zwei Kilometer noch. Wirklich nicht mehr weit. Ich kann nicht mehr, bin fix und fertig. Mein Blick schweift zur Seite: ein Läufer kotzt am Straßenrand, viele gehen. Währenddessen geht die Berliner Marathon-Party unentwegt weiter. Und dann ist es endlich da: das Brandenburger Tor. Ich kann es nicht glauben, dass ich nun wirklich da bin, es fast geschafft habe! Laute Musik wird gespielt, ich weiß nicht mehr welches Lied. Ich reiße die Arme hoch. Da ist er: der Gänsehautmoment. Ich kann einfach nur noch grinsen, auch wenn sich meine Waden gerade anfühlen wie Betonklötze, von meinem Bauch rede ich gar nicht. Die restlichen paar Meter bis ins Ziel ist der Schmerz schon fast vergessen, denn in meinem Körper haben die Endorphine das Kommando übernommen. Glücksrausch. Freude pur. Mein Herz tanzt, als ich nach 3:46:56 einlaufe.

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(c) Marathonfoto

Es war mein härtester Marathon bisher. Ich solle mit Selbstvertrauen, aber auch mit Demut an den Start gehen, hat mir Coach Wilhelm Lilge mitgegeben. Das Selbstvertrauen ging auf der Strecke ein wenig flöten und ich gebe zu: ja, ich war anfangs enttäuscht, meine Zielzeit nicht erreicht zu haben. Alles andere wäre gelogen. Aber beim Marathon muss eben alles stimmen und wenn der Körper zwickt, dann muss man Abstriche machen und einfach glücklich und zufrieden sein mit dem, was man an dem Tag erreicht hat. Ich habe erst im Nachhinein gesehen, dass ich bis zum Schluss konstant, ohne Einbruch durchgelaufen bin. Wow, wie habe ich das geschafft?, habe ich mich danach gefragt. Aber wo ein Wille, da ein Weg, wie es so schön heißt. Ich habe mich seit knapp einem Jahr auf diesen Lauf gefreut. Da gibt man nicht auf, auch nicht, wenn es schwierig ist. In diesem Sinne: mein Herz tanzt noch immer, wenn ich an den Zieleinlauf denke! Und die Demut, tja, die ist auch mitgelaufen: neue PB – einfach nur geil! Auch wenn es keine Sub 3:45 sind.

Als wir uns vom Zielgelände auf den Weg ins Hotel machen, staune ich nicht schlecht: „Sie sind ja den Marathon gelaufen. Ich gratuliere Ihnen! Wirklich toll! Wie ist es Ihnen denn gegangen?“ Die Medaille baumelt um meinen Hals. Ein älteres Ehepaar ist uns entgegengekommen und die Dame ist stehengeblieben und sprach ihre Bewunderung offen aus. Ich war erstaunt, lächelte. „Dankeschön. Es war super! Ihr Berliner seid einfach super!“, sage ich freudestrahlend. Die beiden lächeln und gehen weiter. Da war es wieder: Berlin! Du bist so wunderbar!

 

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