„Zeig mir deinen Puls und ich sag dir, wie trainiert du wirklich bist.“ Erst vor Kurzem habe ich das von einem Bekannten zu hören bekommen. Und es war nicht das erste Mal: „Was 160? Du hast jetzt schon einen so hohen Puls?“ Blankes Entsetzen schlägt mir regelmäßig bei den Laktattests entgegen, wenn meine Mitläufer ringsum zu hören bekommen, was mein Herz schon nach der ersten Runde zu leisten vermag. Von den weit aufgerissenen Augen nach der letzten Runde, wenn die Laktatparty so richtig in Fahrt gekommen ist, will ich erst gar nicht reden. Knapp an den 200 schramme ich da immer vorbei. 199 waren es das letzte Mal. Völlig untrainiert, nahe am Herzkasperl oder doch alles im grünen Bereich? Definitiv alles im grünen Bereich.

Die Kotzgrenze

Dass ich mit einem Puls rennen kann, wo andere längst kotzen oder gar ohnmächtig zusammenklappen, wusste ich lange nicht. „Du musst langsamer laufen, dein Puls ist viel zu hoch.“ Ach herrje. Wie oft habe ich mir diesen Satz von meinem Partner anhören müssen. Denn er läuft in Bereichen, wo mir die Füße einschlafen, ich noch nicht einmal warm werde, geschweige denn ins Schwitzen komme. Seinen Grundlagenpuls habe ich bereits, wenn ich mir in der Wohnung die Schuhe anziehe. „Aber ich laufe doch eh schon so langsam“, jammerte ich damals bei unseren gemeinsamen Runden. Er ging fast neben mir, ich starrte verzweifelt auf meine Uhr. Spaß machte das keinen.

Mit dem Wandel meines Jogging-Daseins in ein wirkliches Läufer-Leben hatte ich es mit dem ersten Laktattest dann endlich schwarz auf weiß: es ist alles in Ordnung mit mir, ich bin nur eine Hochpulserin! Ich brach zwar nicht in Jubelschreie aus, denn das Ergebnis war definitiv ausbaufähig – sehr ausbaufähig, aber endlich zu wissen, dass mit mir alles stimmt, auch wenn mein Herz in der Minute viel mehr arbeiten muss, als bei anderen, beruhigte ungemein.

Wie das Läuferdasein einer Hochpulserin aussieht? Wenn ich loslaufe und sei es noch so langsam, geht’s gleich mal rauf auf 150. Easy going ist das bei mir. Denn erst um die 170 tut sich bisschen was, von anstrengend ist aber noch lange keine Rede. Um die 190 beginnt dann die Laktatparty, die schon mal bis an die 200er Grenze gehen kann. Also von wegen 226 (bei den Damen) minus Lebensalter zur Berechnung des Maximalpulses. Laut dieser Faustformel wäre ich noch in der Altersklasse W20. Schön wär’s…

Mythos „der Puls geht runter“

„Mit der Zeit geht der Puls ja runter. Je trainierter man ist, umso niedriger ist er mit der Zeit.“ Auch diesen Irrglauben ließ ich mir lange Zeit einreden. Nach zwei Jahren strukturiertem Training weiß ich: meine Pulsbereiche von A1 bis A4 haben sich nicht verändert. Mein Herz muss noch immer bis zu 160 Mal in der Minute schlagen, wenn ich Grundlage laufe und beinahe an die 200 wenn ich an meine Grenze gehe. Der Puls ist gleichgeblieben, aber das Fantastische: die Pace hat sich verändert. Was vor zwei Jahren A4 war, ist heute A2. Früher habe ich in dem Pace-Bereich gerade einmal einen 5er-Wettkampf geschafft, heute laufe ich damit einen Marathon.

Die Diskussion mit meinem Bekannten über meine Bereiche habe ich mir gespart. „Es reicht doch, wenn du weißt, was ich laufen kann.“ Hätte ich ihm meinen Maximalpuls vom letzten 5er-Wettkampf verraten, hätte er mich wahrscheinlich ungläubig angestarrt und gesagt: „Und du lebst noch?“ Ja, ich lebe noch und zwar so gut, wie nie zuvor in meinem Läuferleben!

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