Reflektieren, Analysieren, Realisieren | Auszug


Words by Tobias Krempler | Blog, Keep On RunInc. - Das Magazin

Thomas Geierspichler
geboren 1976 in Salzburg
nach einem Autounfall 1994 von der Hüfte abwärts gelähmt
startete 1998 seine mehr als beeindruckende Sportkarriere als Rennrollstuhlfahrer

vierfacher österreichischer Behindertensportler des Jahres
zweifacher Weltrekordhalter
elffacher Europameister
fünffacher Weltmeister
zweifacher olympischer Goldmedaillengewinner.

Als Buchautor und Vortragender spricht er regelmäßig über Motivation, Selbstüberwindung und Erfolg.

Sportjournalist Fritz Hutter hat für Keep on RunInc. mit ihm geplaudert

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Like a Rolling Stone

Als quicklebendiger Jimi Hendrix des Rennrollstuhlsports zieht Thomas Geierspichler als mächtige Lokomotive unsere Aufmerksamkeit auf die Bedürfnisse von Menschen mit Handicaps und schiebt gleichzeitig deren Motivation an, aus Visionen ein gutes Leben zu formen. Im großen Interview spricht der Salzburger über sein extremes Programm, Schummler im Paralympics-Feld, den Wunsch zu gehen oder auch über die Einsamkeit als wirksamsten Trainingspartner.  

Thomas, wie hat das post-paralympische Wintertraining eines der besten Rennrollstuhlfahrer aller Zeiten ausgeschaut? Mehr Keks und Krapfen oder doch wieder zahllose Trainingskilometer?

Ein paar Kekserl und Krapfen und das eine oder andere Regenerationsseidel gehen sich im Winter natürlich aus. Aber von einer ruhigen Zeit kann keine Rede sein, weil du im Winter ja die Basis für die neue Saison legst. Nach den Paralympics habe ich praktisch keine Pause gemacht, sondern sofort und noch mit dem Renn-Feeling und in Topform meinen brandneuen Carbon-Rollstuhl von Invacare getestet, um im Winter das Materialthema aus dem Kopf zu haben und zu wissen, dass alles passt. Ja, und dann habe ich eigentlich gleich weitertrainiert, weil es mit grad so getaugt hat. 

Hast du Winterreifen am Rolli oder fährst Du in der kalten Jahreszeit ausschließlich auf der Walze?

Nachdem es im Herbst mit Trainingslagern im Ausland doch wieder komplizierter war, habe ich trockenes Wetter daheim so intensiv wie möglich ausgenutzt, dazu viel Krafttraining gemacht. Und natürlich viele, viele Einheiten auf der Walze. Die steht bei mir daheim im Vorraum und ist ein mittlerweile ganz schön betagtes, aber immer noch irgendwie cooles Trumm aus massivem Eisen.


Cooles Trumm hin oder her, klingt trotzdem so, als ob auch du deutlich lieber draußen unterwegs wärst.

Absolut! Grad in der letzten Zeit kommt in mir immer stärker etwas zurück, womit ich ja eigentlich angefangen habe, und was mir durch die Streichung der längeren Strecken bei Rennrollstuhlrennen ein bisserl vergangen ist: die Vision Marathon! Ich will wieder öfter zurück auf die Straße! Das Feeling ist einzigartig, schon allein diese ganz spezielle Atmosphäre in der Früh, wenn alle dem Start entgegenfiebern.

Wie schaut Dein Trainingsprogramm für derartige Saisonhöhepunkte konkret aus?

Viermal in der Woche trainiere ich zweimal am Tag und zweimal pro Woche einmal. Die Umfänge sind oft brutal, der größte Teil ist Grundlagenausdauer. Dabei versuche ich, mein Programm konstant, ja fast stoisch durchzuziehen und vertraue darauf, dass mit der Zeit die körperliche Anpassung stattfindet. Es geht ungebrochen darum, das Niveau immer weiter nach oben zu schrauben und mit verhältnismäßig weniger Puls immer noch mehr Leistung auf die Bahn bringen.

Und das Krafttraining?

Dabei geht’s vor allem darum, den Impact beim Antauchen zu erhöhen. 90 bis 120 Mal pro Minute stoße ich meinen Rollstuhl an, und jeder Stoß soll natürlich so effektiv wie möglich sein.

Wo am asphaltierten Teil Salzburgs rund um den heimatlichen Reschberger Hof in Anif schraubst Du bevorzugt an Deinem Niveau?

Mein Hauptrunde ist ca. 14 Kilometer lang und führt von Anif über Niederalm und die Königseeache Richtung Rif, St. Leonhard, Grödig, Hellbrunn und wieder heim nach Anif. Die fahre ich bei längeren Trainings am Vormittag dreimal und am Nachmittag zweimal. Wichtig ist für mich, dass es Runden sind, die mich nicht zu weit von zu Hause wegführen. Habe ich nämlich einen Patschen, dann kann ich den nicht wirklich selber reparieren, sondern bin darauf angewiesen, dass mich jemand schnell abholen kann. Dazu kommen viele Intervalleinheiten im Olympiazentrum Rif, aber auch auf einem ruhigen Radweg entlang der Salzach. Draußen fahre ich möglichst alles auf Asphalt und auch ein Stückerl auf der Bundesstraße – tatsächlich ist das nicht ganz ungefährlich, aber mittlerweile kennen mich die Leut’ sehr gut und in all den Jahren hat es maximal zwei, drei knappere Situationen gegeben. 

 

 


Diesen und weitere Artikel findest du in der zweiten Ausgabe von Keep On RunInc. – gratis erhältlich im RunInc. Store!


 

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