Let’s make this moment last!


Words by Natascha Marakovits | Blog, Lifestyle, Racing, RunNa

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Plötzlich geht ein Raunen durch den Bus. „Don’t worry, don’t worry“, sagt jemand aufgeregt. Ich werde aus meinen Gedanken gerissen. Der Mann neben mir – ein Grieche – hat die Hände gefaltet und ist ganz still. „Betet er?“, frage ich mich. Auf der anderen Seite sitzt ein Japaner. Er hat die Augen geschlossen und singt leise vor sich hin. Ich schaue aus dem Fenster. Der Bus fährt einen Hügel hinunter. Für einen Moment wird es dunkel – eine Unterführung. Nach wenigen Sekunden geht es auch schon wieder hinauf in die Morgendämmerung. Es ist kurz nach sieben Uhr. Der Bus fährt schon eine Weile. Doch erst durch dieses Raunen und dem Blick auf eine Kilometertafel am Straßenrand dämmert es auch mir: wir befinden uns mitten auf der Laufstrecke – der Strecke von Marathon nach Athen, nur spult sie der Bus sozusagen im Rückwärtsgang ab.

Förderlich ist das nicht gerade, denn: es folgen Hügel um Hügel, mal mehr, mal weniger steil, oft sehr langgezogen geht es bergab. Für den Bus. Denn in rund zwei Stunden heißt es: Kehrtwende – alle Kraft nach vorne, Höhenmeter machen. Bis km 31 muss man sich durchkämpfen, dann hat man den höchsten Punkt der Strecke erreicht und kann es – wenn es nach dieser Distanz noch möglich ist – endlich laufen lassen. Ich muss gestehen: wie meinen Laufkollegen im Bus geht es auch mir. Ich bete zwar nicht und das Singen lass ich auch lieber sein, habe aber großen, sehr großen Respekt. Vor einem Marathon sowieso und vor dieser Strecke noch viel mehr. Ich bin es nicht gewohnt Höhenmeter zu machen. Mehr als das Hügelchen der Mariahilfer Straße hat meine Haus- und Hofstrecke nicht zu bieten. Und für Donauinsel, -kanal und Prater Hauptallee gibt es wohl nur eine Beschreibung: flach, flacher, brettleben.

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Nun gut. Lange Rede, kurzer Sinn: mit einem mulmigen Gefühl stehe ich am Start. Die Sonne heizt schon ordentlich ein. 17 Grad hatte eine Anzeige in der Stadt um 6:30 Uhr angezeigt. Viel zu viel für meinen Geschmack und dementsprechend gehen mir viele Gedanken durch den Kopf: wie wird es werden? Erst vor sieben Wochen bin ich beim Marathon in Berlin neue Bestzeit gelaufen. Eigentlich nicht sinnvoll schon wieder einen zu laufen. Meinen dritten dieses Jahr und der vierte insgesamt. Aber ich wurde in meinem Brotberuf als Journalistin von „Discover Greece“ eingeladen und Einladungen schlägt man ja bekanntlich nicht aus. Zumindest nicht solche. Also gibt es nur eines: laufen. Aber nicht auf Zeit. Genießen. Sofern das bei einem Marathon geht. Dass es geht, weiß ich. Dass man dabei auch Höllenqualen erleben kann, auch. Nichtsdestotrotz freue ich mich auf die 42,195 Kilometer auf der Strecke, wo alles begann – der Marathonlauf seinen Ursprung nahm. Let’s go!

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Die ersten Kilometer vergehen wie im Flug. Ich pendle mich in einem Wohlfühltempo ein, fühle mich großartig. Dabei immer im Hinterkopf: das Streckenprofil. Ab km 8 beginnen die ersten Anstiege, die sich bis km 16 ziehen. Dann kurz einmal verschnaufen, bevor ab km 18 der härteste Teil des Rennens folgt: auffi bis km 31 oder anders gesagt: bis die Wadln richtig brennen. Der Respekt davor ist groß und dementsprechend halte ich mich zurück, denn eines will ich auf keinen Fall: eingehen! Also slow down, Atmosphäre genießen, Stimmung einfangen und in Bildern (nicht nur im Kopf) festhalten. Dass ich mit diesem happy-peppy-genieß-einfach-Gedanken ziemlich alleine bin, merke ich schnell: durch meine recht gute Zeit in Berlin Ende September wurde ich in Startblock drei von zehn eingeteilt. Und nun, ab km 8, bei dem es erstmals bergauf geht, werde ich nur noch überholt. So fühlt es sich also an, wenn man vom Feld überrollt wird. Zack, zack, zack, einer nach dem anderen zieht an mir vorbei. Darunter auch eine Laufkollegin aus Wien. Sie klopft mir auf die Schulter, lächelt, ruft „viel Spaß noch“ und zischt ab. Ich muss gestehen: das zermürbt und nagt am Selbstvertrauen. Doch ich lasse mich nicht aus der Ruhe bringen, laufe konsequent ruhig weiter und weiß: meine Zeit kommt noch. Hinten raus hole ich mir euch!

Und tatsächlich, ab km 19 beginnt das große Einsammeln. Die ersten Männer gehen. Da vorne, ist das nicht der Japaner vom Bus, der sich am Straßenrand den Oberschenkel massiert? Ich bin mir nicht sicher, bin auch schon vorbei. Zwei Läufer habe ich bereits kotzen gesehen. Nur schnell wegschauen und hoffen, dass ich dieses Mal verschont bleibe von einer Magen-Darmrebellion.

Den Halbmarathon passiere ich in glatten 2:00 und ein paar Zerquetschten. Ich beginne zu rechnen: zehn Kilometer noch. Das ist nicht mehr so viel. Ab dann geht es bergab. Den Gedanken, dass es nach den 31 noch immer gute elf sind, bis ich jubelnd ins Ziel einlaufen kann, verdränge ich an dieser Stelle gekonnt.

Kilometer 28. Mittlerweile gehen sehr viele. Ich kämpfe weiter, mache wieder Rechenspielchen. Dann geht es einen „Berg“ hinunter. Ich schaue nach vorne. Eine Unterführung. Das ist die Stelle von heute morgen im Bus. „Don’t worry, don’t worry“, fällt mir ein, denn vorne geht es steil nach oben. Aber: durchbeißen, das ist der letzte Anstieg. Ich schaue auf meine Uhr. Stimmt, Kilometer 31 kann nicht mehr weit sein. Also laufe ich. Zuerst hinunter und dann eine gefühlte Ewigkeit nach oben. Die Sonne brennt, der Schweiß rinnt und der Gegenwind ist mittlerweile so stark, dass ich glaube, gegen eine Wand zu laufen. WANN bin ich endlich oben?! Und dann ist sie endlich da: die Tafel: km 31 steht darauf.

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In dem Moment bin ich so glücklich, als ob ich bereits ins Ziel eingelaufen wäre. In meinem Ipod läuft Moloko „The time is now“. Ich singe mit, bekomme Gänsehaut. Runner’s High nennt man das wohl. Im Endorphinrausch habe ich nur noch einen Gedanken: jetzt geht es bergab. Und das Beste: ich habe noch viel Kraft.

Ab da überhole ich, lasse Läufer hinter mir. Das beflügelt mich. Mittlerweile bin ich bei km 35. Plötzlich sehe ich vorne eine Läuferin mit rotem T-Shirt, schwarzer Hose, blonde lange Haare. Die kenn ich doch, denke ich mir. Meine Kollegin aus Wien. So sieht man sich wieder. Dieses Mal klopfe ich ihr von hinten auf die Schulter, lächle sie an und rufe: „Viel Spaß noch“. Ich fühle mich fantastisch und werde immer schneller. Vom Mann mit dem Hammer keine Spur.

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Auf den letzten Kilometern geht es durch die Stadt. Die Athener jubeln, laute Musik wird gespielt. Kinder strecken mir ihre Hände entgegen. Ich klatsche sie ab, habe schon jetzt einen fetten Grinser im Gesicht. Rund zwei Kilometer vor dem Ziel ruft plötzlich jemand meinen Namen: Thomas Rottenberg, Journalistenkollege und Freund und ebenfalls zum Marathon eingeladen, jedoch verletzungsbedingt nur den 10 km Bewerb gelaufen, feuert mich an. Er läuft ein paar Meter neben mir her, ruft: „Du schaust super aus!“. Wow, das pusht und ich gebe auf den letzten paar hundert Metern noch richtig Gas, laufe den letzten km mit 4:57 – mein schnellster.

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Nach 4:03:57 bin ich schließlich da – im Panathinaiko-Stadion im Herzen Athens. Der Zieleinlauf ist beeindruckend, der ganze Lauf war beeindruckend, unbeschreiblich, Gänsehaut pur. Ich schaue mich um. Ringsum strahlende Gesichter und habe ganz nach Moloko nur einen Gedanken: „Let’s make this moment last!“

 

Die Einladung erfolgte, wie bereits oben erwähnt, von Discover Greece und wurde von Athen-Authentic-Marathon, Aegean Airlines und Hilton Athen unterstützt. 

 

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